Stadtplanung München. Recap vom 27. Februar 2020.

FUTURE FORUM by BMW Welt.

Stadtplanung in München – intelligent oder antiquiert?
In unserem zweiten Format im FUTURE FORUM am Donnerstag, den 27. Februar 2020, diskutierten Experten gemeinsam mit dem interessierten Publikum und Moderatorin Nathalie Schwarz die Chancen und Herausforderungen der Stadtplanung und bereits umgesetzte Smart City Pilotprojekte in München.
 

Marktwirtschaft versus Mensch: Für wen bauen wir eigentlich?
Welche Lösungsansätze gibt es für die fortschreitende Verdichtungsthematik in München? Wie müssen moderne Quartiere und Stadtbezirke weiterentwickelt werden, um das Zusammenleben einer wachsenden Bevölkerungszahl zu ermöglichen? Im ersten Panel blickten Dr. Benjamin Büttner von der Professur für Verkehrsplanung und Siedlungsstruktur der TU München, Katrin Gneiting von der Smart City Initiative Smarter Together, Rüdiger Pape von BMW und Christian Bodensteiner vom Architektur- und Stadtplanungsbüro bodensteinerfest auf die aktuellen Herausforderungen der Stadtplanung in München.
 

„Wir handeln mit Boden, als wäre es ein Produkt, das wir nachproduzieren können…“ (Architekt Christian Bodensteiner)
Im öffentlichen Diskurs liegt der Fokus häufig auf den steigenden Mietpreisen, aber der Grund für die saftigen Quadratmeterpreise liegt im Umgang mit dem Boden. Die Baukosten sind in München mittlerweile marginal. Nur 30 Prozent der gezahlten Miete entfallen auf das Wohngebäude, der Rest, stattliche 70 Prozent der Miete fallen für den Bodenpreis an. Das ist ein echtes Problem. Die Regierung kümmert sich nicht ausreichend um Veränderung: im Koalitionsprogramm findet Bodenpolitik keine Erwähnung. Deshalb macht sich bereits seit 2017 die Initiative „Münchner Aufruf für eine andere Bodenpolitik“ für bezahlbaren Wohnraum stark, indem sie sich für eine Reform des Bodenrechts einsetzt.
 

Wir brauchen eine Stadt der kurzen Wege
Dr. Benjamin Büttner betrachtet die Verdichtungsthematik hingegen aus verkehrsplanerischer Perspektive: „Wir brauchen eine Stadt der kurzen Wege, damit wir nicht mehr auf das Auto zurückgreifen müssen.“ Bereits im Juni 2019 hatte sich der Münchner Stadtrat darauf verständigt, dass weniger Autos in die Innenstadt fahren sollen. Und erst diese Woche erklärte Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), dass er sich beim Reduzieren des Verkehrs mehr Tempo wünsche. In den kommenden Monaten stehen bei der Stadt Beschlüsse zum Altstadt-Radlring, zum Parkraum in der Innenstadt und zum Mobilitätsplan an. Rüdiger Pape von BMW lenkte ein, die Stadt müsse auch in Zukunft mit dem Auto erreichbar bleiben. „Es geht nicht um Auto-Verbannung sondern um Verkehrsoptimierung“, so Pape. „Wir können die Dogmatik nicht einfach von Auto auf Fahrrad umdrehen, sondern müssen das Mobilitätskonzept generell anpassen.“
 

Smart City Initiativen machen München bis 2050 CO2-neutral
Wie solche neuen Konzepte aussehen könnten, wird in einigen Modellquartieren in München bereits pilotiert. Smarter Together, ein Projekt der Stadt München in Zusammenarbeit mit der EU-Kommission, erprobt im Gebiet Neuaubing-Westkreuz/ Freiham in München verschiedene Konzepte, wie Quartiere in Zukunft effizienter gestaltet werden können. Das Projekt fördert insbesondere E-Mobilität, intelligente Lichtmasten und die energetische Sanierung von Gebäuden und arbeitet an einer zentralen Datenplattform, die das technologische Rückgrat aller Smart City-Maßnahmen in München bilden wird. „Die Maßnahmen des Münchner Smarter Together Projektes sollen mehr als 20 Prozent CO2 einsparen. Bis 2050 will München im Projektgebiet sogar CO2-Neutralität erreichen.“ (https://www.smarter-together.eu/de/cities/muenchen#/) Katrin Gneiting von Smarter Together sieht die größte Herausforderung darin, „all die verschiedenen Bereiche miteinander zu verbinden.“ Damit meint sie nicht nur Städteplaner, Architekten und Politiker, sondern vor allem auch den Einbezug von Bürgern. In Ko-Gestaltungsworkshops lud Smarter Together deshalb zur Partizipation ein. Und an drei Tagen in der Woche finden im Stadtteillabor offene Sprechstunden für Anwohner sowie Interessenten statt.
 

Städteplanung muss für die Menschen gedacht werden und darf nicht ausschließlich auf Wirtschaftlichkeit beruhen
Auch Christian Bodensteiner spricht sich für eine ko-kreative Stadtplanung aus. Doch im Gegensatz zu anderen Städten, wo dieses Konzept bereits gelebt wird, ist Städtebau in München vor allem ein Industriezweig und Wirtschaftsfaktor. Und das spiegelt sich auch im Stadtbild zunehmend wider. „In München kann man bauen was man will, die Vermietung geht sofort weg. Und so sieht unsere Stadt auch aus.“ Auch am Stadtrand wird nicht langfristig genug gedacht: Es werden Neubau- und Gewerbegebiete hochgezogen, in denen sich die Menschen nicht wohlfühlen, anstatt die Siedlungsstrukturen auf eine Mischnutzung von Wohn- und Gewerbefläche auszurichten. „Wir brauchen mehr Mischung in den Neubaugebieten. Darüber haben wir schon zu meinen Studienzeiten diskutiert und selbst damals stand das bereits in unseren Lehrbüchern. Aber umgesetzt wird weiterhin nichts“.
 

München steht städteplanerisch vor mehr als einer Herausforderung
Da waren sich alle Panelisten einig. Katrin Gneiting bringt ihre Vision vom München der Zukunft mit dem städtischen Leitmotiv „kompakt, urban, grün“ auf den Punkt. Christian Bodensteiner sieht die Stadt davon jedoch noch weit entfernt: „Wir liegen weit unter den Möglichkeiten, wie unsere Stadt aussehen könnte. Unsere Stadtplanung ist antiquiert.“ Im Gegensatz zu Barcelona oder Paris sei München nach wie vor nicht dicht genug bebaut. Im Hinblick auf Mobilität spricht Bodensteiner sich für so viele verschiedene Fortbewegungsmittel wie möglich aus. Es gehe darum, dass „Mobilität eine Freiheit ist und kein Zwang“. Und Rüdiger Pape ist der Auffassung: „Wir müssen die Rahmenbedingungen verändern damit sich auch die Mobilität in unseren Städten verändert.“ Bei der Gestaltung der Rahmenbedingungen und um ein lebenswertes München der Zukunft zu kreieren, sind nicht nur Experten gefragt, sondern vor allem auch die Betroffenen, die Bürger, die Münchener. In verschiedenen Werkstätten können Bürger sich mit ihren Sorgen und Wünschen aktiv einbringen. Mehr Informationen dazu finden Sie hier: https://www.muenchen-mitdenken.de/
 

Parken versus Partizipation:  Wie viel Leben ist auf kleiner Fläche möglich? Der Zenettiplatz als Modellquartier
Das Projekt Zenettiplatz, ins Leben gerufen im Zusammenschluss von BMW, der Stadt München und den Münchener Verkehrsbetrieben, wurde gemeinsam mit dem Bezirksausschuss als Testgebiet für die Initiative City2Share ausgewählt. Das Modellquartier erforscht die Frage, wie man die Flächen in einer Stadt sinnvoll und effizient nutzen kann. In Co-Kreation mit Anwohnern wurden vorhandene Flächen neu gedacht, um Mobilitäts- und Raumnutzungsverhalten zu verändern. Das geschieht einerseits über den Einsatz von Mobilitätsstationen, Orte an denen Parkplätze für Elektrofahrzeuge, Car und Bike Sharing u.a. gebündelt an einem Ort zur Verfügung gestellt werden, um die physische Erlebbarkeit der Multimodalität zu erhöhen. Und andererseits durch die Schaffung neuer öffentlicher Bewegungsräume und Bürgerbeteiligung.

Drei Projektbeteiligte gewährten uns im Panel Einblicke in Prozesse, Herausforderungen und Erfolge des Ende 2019 abgeschlossenen Projekts: Rüdiger Pape, Experte für urbane Mobilität bei BMW, Felix Lüdicke, Landschaftsarchitekt bei raumzeug und Frank Reinhard, Anwohner des Zenettiplatzes und aktiver Bürger.

Vor Projektstart war der Platz bei den Anwohnern als solcher unbekannt. Durch die Straßenweitung, die zurückspringenden Häuser und die bereits existierenden Ladenflächen in den Erdgeschosszonen eignete sich der Platz dennoch perfekt für die Umgestaltung zu einer echten Piazza. Die linke Seite des Platzes wurde zur Mobilitätsstation umgestaltet, die rechte Seite wurde von Autos befreit und so Raum für eine Platzumgestaltung geschaffen. Der Umbau fand von Beginn an im Dialog mit den Anwohnern statt. Zielsetzung war es, einen öffentlichen Raum für Installation und Interaktion durch Partizipation der Anwohner zu schaffen. „Wir wollten nicht einfach einen schöneren Platz gestalten, sondern wirklich zeigen, was an so einem kleinen Platz an Leben alles möglich ist“, so Rüdiger Pape von BMW. „Entweder stellen hier zehn Anwohner 23 Stunden am Tag ihre Fahrzeuge hin, oder da spielen Kinder, da finden Diskussionen und Interaktionen statt.“

Der Umbau des Zenettiplatzes fand zu Stoßzeiten statt, damit Passanten von dem Projekt mitbekommen und ein Dialog mit den Bürgern entsteht. „Die Idee war beim Bau präsent zu sein, damit die Fahrradfahrer an der Ampel stehen bleiben und zuschauen können oder Passanten ins Gespräch kommen“, so Landschaftsarchitekt Felix Lüdicke. Auch die Anwohner selbst waren beim Umbau beteiligt, halfen beispielsweise beim Streichen und beim Bepflanzen der Hochbeete. In diesem Jahr, 2020, ist die Piazza vollständig zur Bürgerinitiative geworden.

Seit es die Piazza Zenetti gibt, hat Frank Reinhard mehr Menschen aus seiner Nachbarschaft kennengelernt als in den 10 Jahren davor. „Auf dem Platz haben sich ganz schnell Leute getroffen, die gemeinsame Interessen hatten“, so Frank Reinhard, Anwohner und aktiver Bürger. Gleichzeitig ist es auch ein öffentlicher Raum für Diskussion.
Die Skalierung von solchen Projekten ist allerdings noch schwierig, da es momentan noch nicht die nötigen Strukturen gibt. Mit der Piazza Zenetti hat die Stadt eine echte Ausnahme geschaffen. Hier ist endlich angefangen worden, mit und für die Menschen zu bauen. Ein Pilotprojekt mit Vorbildfunktion.

 

Lernen Sie unsere Speaker vorab kennen:

Dr. Benjamin Büttner ist akademischer Rat der Professur für Siedlungsstruktur und Verkehrsplanung und leitet seine Arbeitsgruppe „Erreichbarkeitsplanung“ an der TUM. Er ist promovierter Ingenieur (TUM) mit einem Diplom in Geographie (LMU) und beschäftigt sich mit den Themen Erreichbarkeit, aktive Mobilität sowie Governance. In regionalen Netzwerken wie der Inzell Initiative (Modellstadt 2030) und der Metropolregion München (EMM AG Mobilität) ist er ein aktives Mitglied.

Katrin Gneiting ist Mitarbeiterin im Referat für Arbeit und Wirtschaft der Landeshauptstadt München und im Projekt Smarter Together zuständig für die Kommunikation.

Rüdiger Pape ist Dipl.-Geograph / Stadt- und Verkehrsplaner und als Experte für urbane Mobilität bei BMW in der Abteilung für Konzernkommunikation, Politik und Außenbeziehungen tätig. Im Rahmen seiner Tätigkeit ist er bei dem Münchener Smart City Projekt der Piazza Zenetti involviert.   Seine Themenschwerpunkte sind Mobilitätsverhalten, multimodale Mobilitäts-angebote, Rahmenbedingungen und Bürgerpartizipation.

Felix Lüdicke ist gelernter Gärtner, Landschaftsarchitekt und Teil von raumzeug. Die Gruppe beschäftigt sich mit dem Aufspüren, Analysieren und Bespielen von öffentlichen Freiräumen. Im Auftrag der Stadt München und zusammen mit Anwohner*innen hat er den Zenettiplatz 2018 und 2019 zur Piazza umgestaltet und mit Aktionen bespielt. Die Baustelle hat er mit seinem neuen Lastenrad beliefert. Im Panel beleuchtet er die Umgestaltung der Stadt München aus Perspektive der Stadtplanung ganz konkret am Beispiel der Piazza Zenetti.